Auschwitz-Birkenau -Überlebende zu Gast in Lingen Maximilian-Kolbe-Werk arrangiert mit LWH Austausch

Lingens Erster Bürgermeister Heinz Tellmann hat im historischen Rathaus drei Damen aus Polen empfangen, die den Holocaust überlebt haben. Ihnen war im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau unsägliches Leid durch die Nationalsozialisten wiederfahren.

Lingen. Die drei Polinnen besuchen derzeit das Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) im Lingener Ortsteil Holthausen. Das LWH arrangiert seit vielen Jahren zusammen mit dem Maximilian-Kolbe-Werk diesen Austausch. Tellmann sagte beim Empfang von Halina Brzozowska-Zdunczyk, Barbara Pankowska sowie Elżbieta Podbielska: „Die Gräueltaten der Nazis an den Menschen dürfen nie in Vergessenheit geraten. Ich wünsche Ihnen viel Kraft, um noch lange über Ihre Erlebnisse zu berichten.“

Lingen Empfang polnische Zeitzeugen HLW14

Die drei Damen werden während ihres 14-tägigen Aufenthalts vom Studienleiter des LWH-Zeitzeugenprojekts Markus Wellmann begleitet. Marianne Drechsel-Gillner vom Maximilian-Kolbe-Werk ist als Übersetzerin dabei. „ Es ist ein Glück für uns, dass wir das LWH haben, durch dessen Kontakte Menschen aus Polen nach Deutschland kommen“, betonte Tellmann, der Lingen als große, selbstständige Stadt mit umfassendem Kultangebot darstellte. Zu den fünf Städtepartnerschaften zähle auch die mit der polnischen Stadt Bielawa in Niederschlesien.

Markus Wellmann erläuterte: „Wir sprechen mit dem Maximilian-Kolbe-Werk die Termine ab, damit möglichst viele polnische Menschen nach Deutschland kommen, um über den Holocaust z. B. in Schulen zu berichten. Das Verständnis für die historische Situation ist dabei von großer Bedeutung. Unsere polnischen Gäste haben während ihres Aufenthalts ein strammes Programm.“ Halina Brzozowska-Zdunczyk betonte: „Es ist wichtig, in persönlichen Gesprächen aufeinander zu treffen. Wir sind eine Generation, die nicht umzubringen ist, denn wir leben gern. Politik und Krisen interessieren uns nicht, wir machen unser Ding.“

Wenn sie Schulen oder andere Einrichtungen besuchen, berichten die drei Damen über ihr Erlebtes. Halina Brzozowska-Zdunczyk wurde am 18. April 1932 in Szack im Osten Polens  geboren. Sie und ihre Familie lebten später in Warschau sechs Jahre unter deutscher Besetzung. 1944 wurden sie während des Warschauer Aufstandes aus dem brennenden Haus hinausgeworfen und die Familie geteilt. Halina und ihre kleine Schwester  Marysia (6) wurden in Viehwaggons nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Ihre Mutter Janina, Vater Roman und Bruder Tadeusz (13) kamen ins KZ Oranienburg bei Berlin.

Als das KZ 1945 befreit wurde, zogen die beiden Mädchen zu ihrer Tante Marianna nach  Warschau. Ihre Eltern und der Bruder kehrten im Mai 1945 zurück. 1952 bis 1956 studierte sie Technische Geologie und hat 1957 den Titel „Ingenieur für Geologie“ bekommen. Sie war zweimal verheiratet, hat eine Tochter und lebt seit 1998 allein.

Barbara Pankowska wurde am 16. Januar 1932 in Warschau geboren und lebte hier mit ihren Eltern. Der Vater wurde bei der Verteidigung Warschaus festgenommen und ins Kriegsgefangenenlager eingesperrt. Sie und ihre Mutter überlebten die Bombardements von Warschau, verloren aber ihr ganzes Hab und Gut. Dem Vater gelang zwar die Flucht, wurde aber während des Warschauer Aufstands festgenommen und in das KZ Sachsenhausen- Oranienburg deportiert. 1944 wurde Barbara mit ihrer Mutter verhaftet und im Viehwaggon nach Auschwitz-Birkenau gebracht, wo sie von ihrer Mutter getrennt wurde.

Als Barbara schwer krank ins Krankenrevier kam, traf sie dort ihre herzkranke Mutter wieder. Nach der Befreiung durch die Rote Armee kam die Mutter in ein Krankenhaus nach Krakau und Barbara in ein Waisenhaus. Dort fand sie ihr Vater, der im Mai 1945 aus dem KZ zurückgekehrt war. Ihre Mutter wurde nie wieder richtig gesund und starb mit 41Jahren in Warschau. Barbara studierte und wurde Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie heiratete, hat eine Tochter und einen Sohn sowie einen Enkel. Sie arbeitet ehrenamtlich in der Vereinigung für die ehemaligen politischen Häftlinge in Warschau.

Elżbieta Podbielska wurde am 3. April 1945 in Warschau geboren. Ihr Vater war beim Warschauer Aufstand ums Leben gekommen, ihre beiden Onkel wurden in den KZs Majdanek und Dachau ermordet. Mutter Helena Clelemecka-Pachecka wurde im September 1944 verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert. Sie hatte die Häftlingsnummer 88202 und war mit Elżbieta schwanger. Elżbieta weiß aus Erzählungen der Mutter von stundenlangen Appellen in bitterer Kälte, die körperlich und-psychisch schwer zu ertragen waren.

Kurz vor der Befreiung versuchte die SS das Lager zu räumen und die Häftlinge wurden auf Todesmärsche geschickt. Wer vor Erschöpfung nicht mehr weiter konnte, wurde erschossen. Ihre Mutter Helena hatte sich während des Todesmarsches im Januar 1945 entschieden zu fliehen, um die ungeborene Elżbieta zu retten. Sie versteckte sich und wurde von Widerständlern gerettet. Elżbieta war ein sehr kränkliches Kind, aber Dank der Pflege der Mutter und Großmutter erholte sie sich. Später machte sie das Abitur und wurde wissenschaftlich-technische und wirtschaftliche Dokumentarin. Sie ist verheiratet, hat zwei Söhne sowie drei Enkel und arbeitet ehrenamtlich in einem Häftlingsverein.

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