Demo in Lingen gegen Atomkraft Gegner fordern sofortig Stilllegung des Kernkraftwerks

In Lingen haben am Sonnabend rund dreihundert Atomkraftgegner für die sofortige Stilllegung des Kernkraftwerks Emsland (KKE) und der Brennelementefabrik (ANF) sowie eine bessere Klimapolitik demonstriert. Die Aktion, die am Bahnhof begann und auf dem Marktplatz endete, stand unter dem Motto „Atom und Kohle die rote Karte zeigen“.

 

 Lingen. Auf dem Bahnhofsvorplatz sammelten sich nach und mehr rund 300 Atomkraftgegner. Unter ihnen weilten auch die beiden belgischen Mitglieder der Antiatomkraftbewegungen Léo Tubbax und Marc Alexander. Sie betonten: „Euer Streik ist unser Streik. Das Beste ist eure Solidarität für uns.“

Moderatorin Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, forderte wie alle den sofortigen Atomausstieg weltweit. In seiner Begrüßung erklärte Alexander Vent vom Bündnis „Atomkraftgegner/innen im Emsland“ (AgiEL), dass die Demonstranten Angst vor dem nächsten Störfall und der Planlosigkeit der Behörden hätten. Er kritisierte die Lieferung von Brennelementen aus Lingen an Reaktoren in der ganzen Welt. Darunter seien auch solche, die längst nicht mehr laufen dürften. Vent wünschte sich eine sozialverträgliche Energiewende, die den Umwelt- und Klimabelangen gerecht würde.

Vent meinte, dass seit 40 Jahren bei ANF Nuklearbrennstoff für Atomkraftwerke in aller Welt hergestellt würde und seit 30 Jahren das AKW 2 in Lingen laufe. Seit einigen Jahren gebe es vermehrte Protest-Aktionen wie Blockaden bei ANF sowie große Demos mit bis zu 500 Menschen. Vent verlangte ebenso wie Matthias Eickhoff vom Aktionsbündnis Münsterland gegen Atomanlagen, das KKW und ANF sofort stillzulegen.

Eickhoff wies daraufhin, dass im Lingener AKW im Frühjahr Risse an Rohren im Primärkreislauf des 1988 in Betrieb genommenen Kraftwerkes festgestellten worden seien. „Dies sind deutliche Zeichen von Materialermüdung. Das Material wird nicht besser, und das erfüllt uns mit großer Sorge“, mahnte Eickhoff. Der KKE-Betreiber RWE hätte daraufhin gewiesen, dass internationale Expertenteams von Kernkraftwerksbetreibern bei ihrem 14-tägigen Besuch vor einigen Wochen dem KKE im Vergleich zum weltweiten Spitzenstandard ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt hätten. Die Befürchtungen von Kritikern, der Konzern spekuliere auf eine Laufzeitverlängerung, entbehre jeder Grundlage und sei Unsinn.

 

Der Papenburger Allgemein- und Umweltmediziner Jürgen Bretschneider von der Deutschen Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung e.V. (IPPNW), forderte sofort die AKWs abzuschalten. „Beim  Brennelementewechsel nimmt die Strahlenbelastung in der Abluft um das bis zu 500-fache gegenüber dem Normalbetrieb zu. Unsere Organe werden bestrahlt und es können Mutationen, Krebs oder Leukämie erzeugt werden. Besonders sensibel dafür sind Ungeborene und Kleinkinder, weil sich deren Zellen schneller teilen und ihre Reparaturmechanismen für Zellschäden noch nicht ausgereift sind. Mit unseren Genen geben wir die Strahlenschäden an die nachfolgende Generation weiter. Das ist medizinisch und moralisch unverantwortlich“, betonte Bretschneider

Bretschneider forderte das sofortige Ende des Abenteuers „Atomenergie“ weltweit und betonte: „Wir wollen diesen Schiet nicht haben, stoppt die Atomindustrie und kämpft für das Leben.“ Dies verlangten ebenso Léo Tubbax, Kopf der Anti-Atombewegung Belgien, führt die Organisation „Stop Tihange“, und Marc Alexander, belgischer Atomkraftgegner der „11 Mart Beweging“. Tubbax sagte: „Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht aus Belgien für euch. Das Beste ist eure Solidarität für uns. Das Schlechte ist, dass die belgische Antiatombewegung noch nicht stark genug ist, um ihren Beitrag erfolgreich gegen marode und sehr alte Reaktoren in unserem Land zu leisten.“

Léo Tubbax und Marc Alexander betonten, dass die belgischen Atommeiler alt und gefährlich seien. Sie seien ein Denkmal der Technologie der 60er Jahre. Sie forderten für Belgien erneuerbare Energien. Sie würden in Lingen gemeinsam gegen die Atomindustrie marschieren und gegen die Atomlobby antreten. Alexander erklärte: „Streik gegen die Atomkraft ist auch ein Streik für eine rasche und gründliche Klimapolitik. Wenn die Laufzeit der uralten Reaktoren in Belgien verlängert wird, hat dies auch Folgen für uns alle. Dies bedeutet aber auch, dass die z. B. die Brennelementefabrik in Lingen noch 20 Jahre länger Brennelemente produziert. Deshalb ist euer Streik unser Streik.“    

Für das „Bündnis Atomkraftgegner/innen im Emsland“ (AgiEL) bedauerte Femke Gödeker (27), dass Lingen mit 54.422 Einwohnern vom Atomausstieg ausgenommen werde. Zwar werde das AKW irgendwann stillgelegt, aber es weise schon jetzt ernsthafte Alterungserscheinungen auf. „Bei ANF hat es erst im Dezember im nuklearen Bereich gebrannt. Auch nach dem Jahr 2222 werden AKWs im Ausland weiter Brennstäbe aus Lingen beziehen. Dies war uns vor einem Jahr noch nicht bewusst. Dann werden weiterhin Gift- und Atomtransporte über unsere Straßen rollen. Weiterhin soll strahlender Atommülle gelagert werden, niemand weiß wie lange.“

Atomausstieg bedeute Abschieden nehmen von den damit verbundene Risiken wie Reaktorunfälle, Giftstoffe, Kernschmelze und der erhöhten Leukämierate für Kinder, so Gödeker, die betonte: „Darüber spricht man hier offenbar nicht. Ich kann das Schweigen nicht länger mit ansehen und will, dass endlich jeder dies weiß. Wir müssen aufhören zu schweigen und die Augen zu verschließen. Ideale, Sicherheit und Gesundheit darf man nicht verkaufen. Der Atomausstieg wurde uns versprochen, und darauf sollten wir auch bestehen. Lingen ist eine große selbstständige Stadt und hoffentlich bald voller aufgeklärter Menschen.“ 

Gerd Otten vom „Elternverein Restrisiko Emsland“ befürchtete, dass auch beim Rückbau des stillgelegten Atomkraftwerks Lingen beim geplanten Abriss des Druckbehälters radioaktive Aerosole freigesetzt werden könnten, die dann von den Menschen eingeatmet würden. Die Medien würden die Presseerklärungen der Atomindustrie, denen der Atomkraftgegner vorziehen. Sie würden behaupten, dass nicht die Atomanlagen das Problem in Lingen seien, sondern die Atomkraftgegner, die die Menschen verunsichern würden. „Man darf die Realitäten nicht verdrehen, denn wir leben hier mit drei Atomanlagen: AKW Lingen I und II sowie ANF. Diese gefährden seit Jahrzehnten die Gesundheit der Menschen. Sie gehören sofort abgeschaltet und stillgelegt“, stellte Otten heraus.

Seine Forderung, den sofortigen Atomausstieg weltweit, unterstrichen ebenso Marianne Neugebauer von der AG „Schacht Konrad“, Katrin Wolfarth vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie, Günter Hermeyer von „Don’t nuke the climate“ sowie Alexandra Koroleva, Leiterin der Umweltorganisation EcoDefense in Kaliningrad. Mit Sprechchören marschierten die Demonstranten unter großem Polizeiaufgebot zum Marktplatz. Dabei riefen sie: „Atomkraft und Kohlekraft gehören weltweit abgeschafft. Notfall? – Kein Plan! Störfall?- Kein Plan! Abfall?- Kein Plan: Atomausstieg sofort. Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr uns die Zukunft klaut. Wasser, Wind und Sonne-Atomkraft in die Tonne. Atomausstieg für alle – Stoppt ANF. Eins, zwei, drei, RWE es ist vorbei. Atom und Kohle stoppen – Klimaschutz jetzt.“ Hier versorgten die Mitstreiter aus Schüttorf mit der „VolxKüche“ die Teilnehmer.

Die Polizei sprach von einem friedlichen und störungsfreien Verlauf der Demonstration mit rund 300 Demonstranten, die um 12 Uhr am Bahnhof begann und gegen 15.30 Uhr nach der Abschlusskundgebung auf dem Marktlatz endete. 

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