Der Einsatz vor dem Einsatz Immer und überall auf Überraschungen gefasst sein

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Das kennen wohl die meisten Kameraden: Selbst unter Verwendung der vollen Sondersignale kommt es immer häufiger zu brenzligen Situationen im Straßenverkehr. Aus Unachtsamkeit oder Unwissenheit, immer häufiger aber auch auf Grund von fehlender Einsicht, geht der Respekt gegenüber dem Vorrang von Rettern im Einsatz bisweilen merklich zurück. Daher kommt dem Umgang mit den Fahrzeugen eine ständig wachsende Relevanz zu. Einige Freiwillige konnten jetzt bei einem Fahrsicherheitstraining ihre Einsatzgeräte besser kennen lernen.

Landläufige Untersuchungen kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass große Teile der deutschen Autofahrer keine Erfahrungen damit haben, ihren Pkw mit einer Vollbremsung zum Stehen zu bringen. Obwohl sie tagtäglich und nicht selten über etliche tausend Kilometer im Jahr auf Achse sind, kostet der beherzte Tritt auf die Bremse eine unerwartete Überwindung. Nicht anders sieht es beim Ausweichen von Hindernissen aus. Es ist daher nicht schwer vorstellbar, dass selbst erfahrene Feuerwehrleute mit den Großfahrzeugen im Ernstfall durchaus an die Grenzen ihres fahrerischen Könnens kommen. Nicht jeder Maschinist ist schließlich Berufskraftfahrer. Im Gegenteil bewegen die Kameraden diese Geräte in der Regel nur bei Schulungen, Übungen und Einsatzfahrten.

Im Vorfeld einer Gefahrenlage auf dem Weg zum Einsatz die Verkehrssituation erkennen und Missverständnisse entschärfen ist wünschenswert, aber nicht immer realistisch. Letztendlich sind nie alle gefährlichen Situationen vermeidbar. Weil der Fahrer zudem in vollem Maße persönlich verantwortlich ist, sollte einer möglichst großen Routine eine entsprechende Bedeutung zugemessen werden. Die Anfahrt mit den schweren Einsatzfahrzeugen stellt nicht selten eine ebensolche Herausforderung an den Kameraden, wie der Rettungseinsatz vor Ort. Diese Einsicht ist durchaus verbreitet, allein die Gelegenheiten zum Üben sind rar. Daher nutzte die Feuerwehr im münsterländischen Senden die Möglichkeiten und bot zum ersten Mal ein Fahrsicherheitstraining für ihre Maschinisten an. Von den Löschzügen aus Senden sowie den angegliederten Gemeinden Bösensell und Ottmarsbocholt haben je vier Kameraden teilgenommen. Dazu kamen Männer aus Emsdetten im benachbarten Kreis Steinfurt. Organisiert wurde die Veranstaltung durch Titel Manfred Overbeck von der FF Ottmarsbocholt. Das eintägige Programm wurde vom Fahrtechnik- und Ausbildungszentrum Salzbergen (FAZ) auf dem ehemaligen Fliegerhorst der Bundeswehr in Hörstel-Dreierwalde westlich von Osnabrück durchgeführt.

Neben theoretischen Informationseinheiten zur richtigen Einschätzung von Risiken im Straßenverkehrs standen natürlich praktische Übungen zum Umgang mit den Fahrzeugen in Grenzbereichen im Fokus. Um die Eigenheiten der Technik und insbesondere auch deren limitierende Faktoren kennen zu lernen, ohne eine Gefahr für sich und andere darzustellen, sind entsprechende Platzverhältnisse unerlässlich. Hierfür bietet der frühere Bundeswehrstandort ideale Voraussetzungen. Bis 2006 wurde die mehr als drei Kilometer lange Startbahn von Kampfjets genutzt. Was für einen F4-Phantomjäger passt, reicht in jedem Fall auch mehr als aus, um ein voll aufgerüstetes Löschgruppenfahrzeug in den Bereich seiner Höchstgeschwindigkeit zu beschleunigen. Und genau das war Teil der ersten Aufgabe. Nachdem Übungsleiter Dieter Lohmann mit den Teilnehmern einige Grundprinzipien der Bremsphysik diskutiert hatte (z.B.: doppelte Geschwindigkeit = vierfacher Bremsweg), sollten sich die Fahrer in Stufen über zunächst 30 km/h, dann 60, bis zu einer Schlagbremsung aus 80 km/h bis zum Stillstand herantasten. Mit dem ebenfalls angereisten ELW des Löschzugs Senden wurde sogar bis 120 km/h beschleunigt. Um die Ergebnisse mit den Erwartungen abzugleichen, sollten die Teilnehmer zunächst im Vorfeld den jeweiligen Bremsweg auf der Bahn abschätzen. Die Ergebnisse waren verblüffend. Dieter Lohmann erläutert: „Die Entwicklung des Bremsweges aus der entsprechenden Formel ist erst mal eine simple Zahl. Erst wenn man die unterschiedlichen Strecken in der Praxis auf dem Asphalt erlebt, erschließen sich die wahren Dimensionen.“

So stellte sich die Gefahrenbremsung aus 30 km/h noch als recht einfach beherrschbar da. Aus Tempo 80 war es mit der anfänglichen Gelassenheit allerdings schnell vorbei und das Bremsmanöver glich dem sprichwörtlichen Ritt auf dem Vulkan. Schon die unterschiedlichen Fahrzeuggenerationen machen verschiedene Vorgehensweisen erforderlich. So hat etwa das LF 10 auf Mercedes Atego 818 F des Löschzugs Ottmarsbocholt aus dem Baujahr 2005 bereits ein ABS. Das erlaubt und erfordert bei der Vollbremsung ein beherztes Durchtreten des Bremspedals. Im krassen Widerspruch dazu ist in den anderen Fahrzeugen zu agieren. Das LF 16 TS der Sendener aus dem Jahr 1988 auf Mercedes 1222 verfügt, wie viele der derzeit aktiven Einsatzfahrzeuge, eben nicht über Bremsassistenten. Hier verordnete Übungsleiter Dieter Lohmann den Fahren aus den hohen Geschwindigkeiten die Durchführung der sogenannten Stotterbremse, um die schweren Geräte in der Spur zu halten. Das bedeutet bei einer Druckluftbremse mit entsprechend langem Pedalweg höchste Konzentration und Fußarbeit im Sekundenbruchteil. Denn so wies Dieter Lohmann die Fahrer an: „Das Pedal muss jedes Mal vollständig gelöst werden, damit die Zylinder auch ganz aufgehen, um dann wieder schnell durchgetreten zu werden.“ Der Trainingseffekt stellte sich unmittelbar ein, wie Teilnehmer einvernehmlich berichteten: Es kostet echte Überwindung mal die Bremse bis zum Stillstand voll durchzudrücken – aber es

geht. Als Nebeneffekt wissen zumindest die Teilnehmer des Trainings auch, warum es immer opportun ist, alle Gegenstände in der Kabine sicher zu verstauen. Die hier erworbenen Eindrücke wurden noch übertroffen in der Übung einer Ausweichbremsung, wo während des Bremsmanövers zusätzlich einem Hindernis ausgewichen werden muss. UBM Marius Greive: „Mir war nicht bewusst, dass der Unterschied bei einer Ausweichbremsung zwischen Fahrzeugen mit ABS und ohne so groß ist!“

Wie sehr Erwartungen und Ergebnisse voneinander abweichen können, zeigte auch das weitere Training auf dem Flugfeld. Zu erst huschte nämlich ein Lächeln über die Gesichter einiger Teilnehmer, als Übungsleiter Dieter Lohmann ankündigte, für den Slalomparcours mit den Löschgruppenfahrzeugen bei der ersten Durchfahrt eine Geschwindigkeit von maximal 20 km/h anzupeilen. Erst nach und nach sollte sich dann bis hin zu einem dritten Anlauf auf immer noch weniger als 30 km/h gesteigert werden. Die Ernüchterung kam postwendend, wie UBM Frank Overbeck von der FF Ottmarsbocholt zusammenfasst: „Schon bei einer geringen Geschwindigkeit von 20 – 25 km/h ist der Grenzbereich ausgereizt, so dass das Fahrzeug umzukippen droht. Man hat erkannt wie schnell ein Fahrzeug mit hohem Schwerpunkt ins Wanken kommt.“ Besonders die doch recht hochbeinigen älteren Fahrzeuge waren hier mit Umsicht zu fahren, wie etwa auch das LF 16 TS der Emsdettener auf Mercedes 1222 aus dem Baujahr 1988. So ein Frontlenker mit vollem Wassertank arbeitet dann vernehmlich in seinen Blattfedern und neigt sich an den Scheitelpunkten des Parcours merklich zum Kurvenäußeren. An der indirekten Lenkung muss der Maschinist unermüdlich tätig sein, um das Großfahrzeug sicher in der Spur zu halten, der Allradantrieb macht die Sache nicht einfacher.

Die praktischen Übungen erfüllten die theoretischen Kenntnisse und individuellen Erfahrungen der Teilnehmer mit Leben. Das Ziel des Tages war eine bessere Einschätzung der eigenen Voraussetzungen als Verantwortlicher bei Einsatzfahrten inklusive der unmittelbaren Gefühlslage oder Ablenkung, sowie auch der äußeren Bedingungen (Witterung, Fahrbahnbeschaffenheit, Fahrzeugzustand). Ein solches eintägiges Training macht noch keinen Rallye-Meister aber das Wissen um die Auswirkung einer Vollbremsung etwa nimmt derartigen Stresssituationen den Schrecken des Unvorhergesehenem. Entsprechend fiel denn auch das Fazit der Teilnehmer aus. Aufgrund der positiven Resonanz der Teilnehmer wird die Feuerwehr Senden diese Schulung auch in Zukunft wieder anbieten. Manfred Overbeck: „Eigentlich sollte jeder Inhaber der Fahrerlaubnis für Großfahrzeuge der Feuerwehr diese Erfahrungen mal machen, um in den betreffenden Situationen besser reagieren zu können.“ Und das es zudem noch Spaß gemacht hat, tut Ernsthaftigkeit und Sinn des Trainings keinen Abbruch. Immerhin opferten die Kameraden dabei einen zusätzlichen Samstag. Unter bestimmten Voraussetzungenunterstützt auch die Unfallkasse etwa in Nordrhein-Westfalen eine solche Maßnahme.

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