Einschulung Katholische Volksschule Spelle vor 60 Jahren

Spelle- Es war im Jahr 1959, als sie sich trafen das allererste Mal in der Katholischen Volksschule Spelle. 34 sechsjährige Mädchen und Jungen aus Spelle hatten ihren ersten Schultag Anfang April des Jahres. Auch im Verhältnis zur Gesamtschülerzahl von 183 war diese Klasse eine starke Truppe. Der Großteil der Kinder hatte sich vorher noch nie gesehen. Kindergarten gab es seinerzeit noch nicht in Spelle geschweige denn eine Kita.

Damals gab es drei räumlich getrennte Schulgebäude auf dem Kohbülten am Esch mit insgesamt vier Klassenräumen und acht Jahrgangsstufen. Zwei Gebäude mit jeweils einem Klassenraum lagen links und ein Gebäude in L-Form mit zwei Klassenräumen rechts an der Straße Richtung Varenrode. In den Klassenraum rechts der der Straße wurden die Erstklässler und in dem zweiten Raum in dem Gebäude die oberen Klassen unterrichtet. Zum 1959er Lehrerkollegium zählten die vier Lehrkräfte Christa Hofbauer, Franz Volkmer, Heinrich Eickhorst und Rektor Andreas Moneke (Nachfolger im Herbst 1959: Rektor Helmut Boyer). In den vier Klassenräumen mussten somit teilweise zwei oder gar drei Klassen in einem Klassenzimmer von einer Lehrkraft unterrichtet werden. Und das hat geklappt!

Spelle hatte seinerzeit 1.600 Einwohner. Die Umgangssprache eines Großteils der Speller Bevölkerung einschließlich der Kinder war noch das Plattdeutsch.  Der Dorfkern war landwirtschaftlich geprägt mit Bauernhöfen, die um die alte Kirche herum ihre Gebäude und auch Ackerland hatten. Der Weg zur Kirche betrug nur wenige Meter. Und dies wurde auch ausgiebig genutzt. Dass um die Kirche auch vier Gasthöfe (teils mit Lebensmittelhandel -Kolonialwaren- und Bäckerei) angesiedelt waren, trug sein Übriges zum Wohlergehen der dort Lebenden bei. Telefon hatten seinerzeit nur einige Haushalte und das Fernsehen mit einem Programm hielt gerade in den ersten Häusern Einzug von weitem deutlich erkennbar an der Fernsehantenne auf dem Dach. Die Jugendlichen wurden Backfische und Halbstarke genannt. Sie hörten im Radio Schlager (vorwiegend Seemanns- oder Cowboylieder, auch Fernweh war groß angesagt), Rock ‘n Roll und etwas später Twist und Beatmusik. Bevorzugtes Fortbewegungsmittel der männlichen Jugend war das Moped. Die Mädchen durften gelegentlich auf dem Rücksitz mitfahren.

Die in dieser Zeit Ende der 50er Jahre Eingeschulten trafen sich 60 Jahre nach ihrer Einschulung nun wieder auf dem Wöhlehof. Der Wöhlehof ist das letzte von den ehemals vielen Bauernhäusern im ehemaligen Ortskern, das noch fast vollständig mit Nebengebäuden erhalten gebliebenen und inzwischen renoviert worden ist. Der Wöhlehof dient jetzt als Bürgerbegegnungszentrum. Bei dem Treffen waren auch in späteren Jahren zu der Klasse hinzugestoßene Schüler aus Varenrode und Venhaus anwesend.

Das Treffen Ende April 2019 war erst das zweite Treffen nach der Schulentlassung. Die Begrüßung beim Eintreffen am Wöhlehof war entsprechend fröhlich und die Frage „Kenns mi noch?“ hörte man mehr als einmal. Das Wiedererkennen unter den Ehemaligen machte jedoch kaum Schwierigkeiten. Alle waren so jung geblieben wie damals, na ja … jedenfalls fast. Bis auf wenige Ausnahmen war der alte Klassenverband geschlossen angetreten. Gleich beim Empfang und an der Kaffeetafel drehten sich viele Gespräche um die Erlebnisse in der Zeit der ersten Schuljahre. Oft erinnerte man sich dabei auch an die zwei ehemaligen Mitschüler Paul Laarmann und Kurt Götz, die schon in sehr jungen Jahren verstorben waren.

Nach dem Empfang mit Begrüßung, Erfrischungsgetränken und Kaffeetafel waren alle zu einer großen Busrundfahrt durch Spelle eingeladen. Der Bus wurde gelenkt von dem ehemaligen Mitschüler Werner Knieper. Gästeführer war Samtgemeindebürgermeister Bernhard Hummeldorf, dem es sichtlich Spaß machte, den Gästen voller Stolz die Samtgemeinde mit großem Sachverstand und vielen Insiderkenntnissen vorzustellen. Als markante Punkte wurden insbesondere das Industriegebiet, der Kanalhafen und das Einkaufszentrum angefahren. Wie hat sich doch Spelle in den 60 Jahren seit dem Einschulungsjahr so rasend von dem noch in 1959 rein landwirtschaftlich geprägten Ort zu einem Industrie- und Einkaufszentrum in 2019 entwickelt. Der Altersklasse angepasst wurde auch noch ein Abstecher nach Varenrode zum dort neu entstehenden Seniorenheim gewagt. Bei der Ankunft wurde das Heim von dessen Betreiber Christian Tenkleve ausführlich vorgestellt, und auch die kniffligsten Fragen hat er beantwortet. Beruhigt, zufrieden und glücklich konnte die Gruppe sich dann von dannen machen.

Zurück fuhr der Omnibus anschließend über Varenrode zum letzten Busstop, dem einzigen noch erhaltenen Gebäude des ehemaligen Schulkomplexes auf dem Kohbülten. Dort konnte die Dauerausstellung mit Bildern von Bauernfamilien und deren Häuser aus den 1950er Jahren und davor bewundert werden. Sehr imposant ist das dort ausgestellte, maßstabsgerechte Modell mit den alten Straßen und allen Bauernhöfen im Ortskern aus der damaligen Zeit. Die Ausstellung ist äußerst sehenswert und weckte sehr viel Erinnerungen an das alte Spelle, in dem alle aus dem Eischulungsjahrgang groß geworden sind. Es zeigte sich einmal mehr: wo und wie man aufgewachsen ist, das wird man nicht wieder los.

Zu Fuß ging es dann den kurzen Weg zurück zum Wöhlehof. Hier warteten Erfrischungsgetränke, Abendessen und jede Menge Gesprächsstoff. Viele alte Erinnerungen wurden auch dort mit den anwesenden zwei ehemaligen Lehrerinnen ausgetauscht. Die Lehrerinnen Stepfanie Samson (geb. Elsner) und Agnes Rekers (geb. Blase) waren gern der Einladung gefolgt und haben nach eigenem Bekunden mit viel Spaß an dem Treffen teilgenommen. Beide Lehrerrinnen haben anfänglich noch in der alten Schule unterrichtet. Wie deren neue Nachnamen schon vermuten lassen, waren beide Damen so klug, und haben sich beide einen Mann aus Spelle als Ehemann genommen. Besonders dankbar erinnerten sich die Schüler, die seinerzeit nach dem vierten Schuljahr um Gymnasium gewechselt sind, an Fräulein Elsner (heute Frau Samson). In ihrer Freizeit hatte sie diese Schüler intensiv auf die seinerzeit noch obligatorische Aufnahmeprüfung für die Zulassung zum Gymnasium erfolgreich vorbereitet.

Der ebenfalls eingeladene Lehrer Hermann Randerath, der die Klasse im Jahr der Eröffnung der neuen Schule (August 1963) übernommen hat, wäre auch gerne gekommen. Er war aber aus privaten Gründen verhindert. In einem E-Mail hat er seine Zeit in Spelle als eine besondere Zeit bezeichnet. Er hat dabei betont, dass er die Speller Schüler, die Speller Bevölkerung und ganz besonders auch das Speller Plattdeutsch sehr gemocht hat. Trotz seiner Herkunft aus der Aachener Gegend hat er es geschafft, ein in perfektem Plattdeutsch abgefasstes Dönken über ein Erlebnis aus seiner Speller Zeit zum Besten zu geben. Er hat seinerzeit Bastelkurse außerhalb der Schulzeit für interessierte Schüler angeboten. Zur Weihnachtszeit sollten diese Schüler ihre Bastelarbeiten als Geschenke für die Eltern mitnehmen. Was die Schüler auch alle gerne taten bis auf ein Mädchen. Als der Lehrer von dem Mädchen den Grund wissen wollte wurde ihm klar und deutlich gesagt: „Son Prött will use Mama nich in Huse häbn!“ Der Lehrer war nach eigenem Bekunden dem Mädchen nicht böse sondern im Gegenteil stolz auf so ein selbstbewusstes Kind.

Eine Überraschung hatte Hubert Börger am Abend parat. Er zeigte seinen Film über das erste und bisher einzige Klassentreffen im Mai 1993 aus Anlass des 25. Jahrestages der Schulentlassung. Die bewegten Bilder gaben viel Anlass zu schüchternem, verlegenem Kichern oder auch freudigem Lachen.  Die in dem Film gezeigte Begrüßungsrede und Moderation von Johannes Sombecke als ehemaligem Klassensprecher fand auch jetzt immer noch großen Beifall genauso wie der Vortrag von dem ehemaligen Rektor Helmut Boyer mit Rezitationen aus den Klassenbucheintragungen der ersten beiden Schuljahre (manchmal etwas peinlich). 

Das Treffen war rundum gelungen und eine freudige Angelegenheit. Mit dem Wöhlehof hatte man auch das richtige Umfeld für die Feier gewählt. Wöhlehofkoordinator Hugo Gelze hatte die wunderschöne alte Hofdiele für den Tag ansprechend hergerichtet und den ganzen Tag und den Abend über freundlich und kompetent für die Bewirtung und das Wohlergehen der Gäste gesorgt. Er war auch noch gut aufgelegt als er weit nach Mitternacht die letzten Gäste, die zur Heimfahrt abgeholt wurden, verabschiedete.

Schön, so schön war die Zeit. Ja so wunderschön kann Klassentreffen sein. Und die weinigen, die nicht dabei sein konnten, haben echt etwas verpasst. Aber wer weiß, vielleicht gibt es ja irgendwann noch eine zweite Chance auf ein ähnliches Wiedersehen, oder?

 

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